Mut zur Mode hat viel mit Zeitgeist zu tun!“

Caroline Luisa Klein und Philipp Seidl, Gründer und Geschäftsführer von Phil & Lui, in ihrem Ladengeschäft in München (Photo Credit: ©Shanti, www.12mal12.com).

Phil & Lui ist ein Münchener Label für Womens- und Menswear, das bereits seit seiner Gründung im Jahr 2014 großen Wert auf hochwertige, nachhaltige Qualitäten, Details und Storytelling legt. Style & the Gang hat mit den Machern der Marke, Caroline Luisa Klein und Philipp Seidl, gesprochen über Kreativität, Wunschträume und Schwierigkeiten der jungen StartUp-Szene.

Style & the Gang: Ihr habt Euch gerade das erste Mal seit Eurer Gründung Urlaub genommen, schön, dass Ihr Euch trotzdem für unser Gespräch Zeit nehmt! Seid Ihr noch in Portugal unterwegs?

Philipp: Ja. Wir sind mit unserem Camper die französische Küste entlang gefahren, dann durch Spanien und gerade erst in Portugal angekommen. Die Tage wollen wir noch Richtung Porto weiter, um bei unserer Produktion vorbeizuschauen. Das machen wir jedes Jahr drei- bis fünfmal. Auch wenn wir dieses Mal Urlaub haben – so ganz können wir es mit der Arbeit dann doch nicht lassen.

Würdet Ihr Euren Typ als Weltenbummler beschreiben?

Caro: Wir mögen es schon lokal, wir machen es uns zum Beispiel gerne daheim gemütlich. Das bedeutet jedoch nicht, dass Reisen für uns keine besondere Leidenschaft ist. Wir sind bestimmt nicht die Typen, die dauerhaft in der Welt unterwegs sind, ab und an sind wir aber doch sehr gerne in der Ferne.

Philipp: Oder wir sagen einfach, Caro ist mehr lokal verankert, ich bin der Weltenbummler.. ?

Aha! Du hast mitunter auch in China gelebt, oder?!

Philipp: Ja. Ich habe dort über zwei Jahre studiert, also die Sprache gelernt und den deutschen Pavillon bei der Expo mitbetreut. Außerdem bin ich als Kind in den USA aufgewachsen, habe Kambodscha, Laos und Vietnam bereist. Caro war übrigens auch in Australien unterwegs.

Phil & Lui Kampagnenmotive AW19 (Photo Credit: ©Katjana Frisch, www.katjanafrisch.com)

Wenn Ihr einen Wunschtraum im Kontext von Mode verwirklichen dürftet, was würdet Ihr tun?

Caro: Einen Platz im Süden finden. Unsere Idee bezieht sich eigentlich weniger einfach nur auf Mode, sondern vielmehr auf einen kompletten Lifestyle. Ein kleines Hotel wäre schön mit angeschlossenem Concept Store, in dem es neben authentischer Mode auch Olivenöl vom Bauern nebenan oder handgemachte Kerzen zu kaufen gäbe.

Was würdet Ihr Euch überhaupt und generell von der Modewelt wünschen?

Caro: Mehr Offenheit. Ich wundere mich nicht selten darüber, welche Marken teils gefeiert werden. Da stehen Qualität, Preis, Leistung in keiner Waage. Dennoch werden diese von Händlern gekauft. Marken hingegen, die mit einer Top-Qualität und Story aufwarten können, werden nur mit einer merklichen Verunsicherung geordert. Oft schiebt man die Ursache für diese Verunsicherung auf den Endverbraucher, dieser sei nicht offen genug. Ich glaube dies allerdings nicht wirklich. Ich denke, es ist mitunter eine Generationen-Frage. Der Einzelhandel ist zumeist auch schon betagter, Veränderungen fallen da nicht leicht. Leider geht dies dann zulasten junger Leute mit neuen, frischen Ideen.

„Wir sind sehr offen dafür, dass sich Labels gegenseitig helfen,
austauschen, kooperieren.“

Hättet Ihr in Eurer Laufbahn mehr Support gebrauchen können?

Caro: Ja, klar. Es ist schon nicht einfach. Es fängt bei der Positionierung in Magazinen an, die nur offen sind, wenn man entsprechend Anzeigen einkauft. Im Blogger-Business kommt man oftmals auch nur weiter, wenn man über das nötige Kleingeld verfügt. Dabei ist es auch noch fraglich, ob man über eben diesen Weg überhaupt auf seinen Zielkunden trifft. In der Blogosphäre ist ja auch schon alles so kommerziell, dass man gar nicht mehr weiß, was der Blogger eigentlich wirklich toll findet. Wir sind übrigens sehr offen dafür, dass sich Labels gegenseitig helfen, austauschen, kooperieren. Nur leider haben da viele eine andere Mentalität, mögen nichts preisgeben. Eine Zusammenarbeit klappt so nicht.

Ein Gedankensprung zur Produktion. Lasst Ihr Eure Kollektionsteile ausschließlich in Portugal herstellen?

Caro: Vorwiegend. Wir haben auch einmal Strick in Italien oder in der Mongolei machen lassen. Aber für unsere Verkaufslinie stammt grundsätzlich eigentlich alles aus Portugal. Wir haben dort einen Stamm-Produzenten, einen mittelständischen Familienbetrieb, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten.

Phil & Lui Kampagnenmotive AW19 (Photo Credit: ©Katjana Frisch, www.katjanafrisch.com)

Wenn man sich Eure Kampagnenbilder ansieht, hat man schon den Eindruck, dass Ihr kulturell sehr aufgeschlossen seid. Welchen Stellenwert nimmt kultureller Austausch für Eure Arbeit ein?

Caro: Wir sind stets sehr von verschiedenen Kulturen inspiriert. Es macht Spaß, meine Design-Ideen zu übersetzen, mit andersartigen Einflüssen zu mischen. Dies ist schon sehr typisch für unsere Art von Mode. Nichtsdestotrotz: Wenn man im kommerziellen Markt arbeitet, hat man auch spezielle Key Pieces, die von einer Saison in die nächste weiterlaufen und so fort. Man muss im Auge behalten, was der Markt tatsächlich braucht. Dies versuche ich mit meiner Inspiration zu verknüpfen.

Philipp: Kurz zum Verständnis: Wir haben auf unserer Website zwar einen Online-Shop, unser Hauptgeschäft findet jedoch B2B statt. Das heißt, wir sind mehr noch im kommerziellen Sektor vertreten. Insgesamt beliefern wir 130 Einzelhändler. Wir entwickeln also die Kollektion, lassen diese in Portugal bemustern und hängen dann Muster in fünf Agenturen aus, die zweimal im Jahr über ein Fenster von zwei Monaten Einzelhändler zum Einkauf vor Ort haben. Die gemachten Orders leiten wir entsprechend an unsere Produktion weiter.

Das Geschäft läuft demnach konventionell ab würdet Ihr Euch denn auch als konventionelles Label beschreiben?

Caro: Nein! Von Anfang an war es uns super wichtig, Geschichten zu erzählen und Endverbraucher an Entstehungsprozessen teilhaben zu lassen, dabei verstehen wir unsere Nachhaltigkeit als Selbstverständlichkeit. Wir sind Teil des kommerziellen Marktes, weil man gerade als junges Label sehen muss, dass man sich klug positioniert und nicht etwa einfach auf eigenes, volles Risiko spielt. Wir können für unseren Online-Shop nicht viel Ware auf Lager nehmen oder abenteuerlich in Vorkasse gehen.

„Nachhaltigkeit ist für uns kein Aushängeschild.
Nachhaltigkeit ist für uns Selbstverständlichkeit.“

Hängen Eure Teile mehr in nachhaltigen Läden oder konventionellen Stores?

Philipp: Also, unter den 130 Einzelhändlern, die wir beliefern, sind drei bis vier nachhaltige Läden.

Oh, demnach habt Ihr den Sprung scheinbar geschafft. Nicht wenige nachhaltige Labels beklagen sich ja darüber, dass sie eben nicht in den kommerziellen Markt kommen…

Caro: Ja, das stimmt. Dazu muss ich aber noch einmal sagen, dass Nachhaltigkeit für uns kein Aushängeschild darstellt. Nachhaltigkeit ist für uns eine Selbstverständlichkeit, entsprechend verkaufen wir auch unsere Produkte.

Wir haben einmal bereits in Euren Cotton gegriffen und tatsächlich gedacht, das kann nicht wahr sein, so soft.. Wie habt ihr das hingekriegt?

Caro: Wir haben Stoffe wie diesen über lange Zeit selbst entwickelt in Zusammenarbeit mit unserem Produzenten in Portugal. Ich bin sehr oft runtergeflogen und habe immer wieder erklärt, was mir wichtig ist der Touch, sehr feine Garne usw… Es war wirklich ein langer Prozess. Heute ist es schon eins unserer Erkennungsmerkmale, dass unsere Materialien so weich sind. Im Gesamtpaket macht unsere Marke die Kombination aus Storytelling, soften, hochwertigen Materialien, breitem Farbspektrum, Prints und Details aus.

Phil & Lui Kampagnenmotive SS19 (Photo Credit: ©Katjana Frisch, www.katjanafrisch.com)

Caro, wo würdest Du sagen, stehst Du mit Deiner Arbeit als Designerin aktuell bist Du näher am Markt oder näher an Deiner eigenen Kreativität?

Caro: Man muss als Designer nicht für sich selbst designen. Es muss nicht immer alles so passen, dass man es selbst mit voller Überzeugung tragen würde. Es ist wichtig, den Kunden im Blick zu haben, sich in diesen hineinversetzen zu können. Sicherlich ist dies für Designer mit einem Lernprozess verbunden. Nichtsdestotrotz lasse ich natürlich unsere Inspiration und Identität in die Kreationen mit einfließen.

Im Vergleich zu anderen Ländern – empfindet Ihr den deutschen Markt als weniger mutig?

Caro: Ja, das würde ich schon sagen. Ich denke, der Mut zur Mode hat viel mit dem vorherrschenden Zeitgeist zu tun, der mir in Deutschland weniger progressiv scheint. Im Zusammenhang damit ist auch Storytelling ein Aspekt, der nicht von jedem verstanden wird. Wir legen zum Beispiel in Kooperation mit unserer Fotografin Katjana Frisch sehr viel Wert auf andersartige Kampagnen, die im Editorial-Stil Stimmungen sowie Menschen und nicht Klamotten in den Vordergrund rücken, leider können dies nicht alle Händler greifen.

„Es ist wichtig, den Kunden im Blick zu haben,
sich in diesen hineinversetzen zu können.“

Gibt es langfristige Ziele?

Philipp: Wir arbeiten gern mit unseren Einzelhändlern zusammen, doch wir suchen auch die Nähe zum Endverbraucher, der eben nicht technisch und in Abverkaufszahlen denkt. Wir möchten mehr noch unsere Identität ausspielen und wir meinen, dass uns dies im direkten Kontakt und Erlebnis authentisch gelingen kann. Wir möchten uns einfach schon auch noch mehr abgrenzen und spezialisieren. Wir möchten unabhängig sein.

Ihr habt nun bereits einen eigenen Store in München, könntet Ihr Euch auf diesem Feld noch weiteres Wachstum vorstellen?

Caro: Durchaus. Zumal wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir zum Beispiel an der deutschen Küste mit unserer tatsächlichen DNA, unserer eigentlichen Auffassung von Mode sehr gut ankommen.

Ein Store in einer Großstadt wie geht das für Euch?

Caro: Generell glaube ich, dass sich der Einzelhandel in den großen Städten immer schwerer tun wird. Man muss sich doch nur einmal selbst beobachten – wann hat man denn schon Lust, in die Stadt einkaufen zu gehen? Entweder handelt es sich um Bedarfs-Shopping, man kauft online oder geht in die City und kauft die Jeans, oder man ist im Urlaub, entspannt unterwegs und freut sich, abends etwas Schönes zu sehen und kauft. In letzterem Bereich sehen wir definitiv Potential für uns.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Phil & Lui Store
Belgradstraße 64
80804 München
www.phil-and-lui.de